„Autoritativ" – was soll das eigentlich heißen?

„Autoritativ" – vielleicht hast du diesen Begriff schon gehört, wenn es um Erziehung oder Training geht. Er stammt aus der Psychologie und beschreibt dort einen ganz bestimmten Erziehungsstil. Im Hundebereich wird er unterschiedlich verwendet – manchmal fachlich korrekt, manchmal eher als Kampfbegriff. Was bedeutet „autoritativ" also wirklich? Und woran erkennst du, ob jemand den Begriff fundiert nutzt oder nur als Label? Deshalb lohnt sich einmal kurz Aufräumen.

1) Autoritativ ist NICHT autoritär.
Autoritativ (aus der Erziehungspsychologie) bedeutet im Kern:
✅ Emotionale Sicherheit + Struktur
✅ Vorhersagbarkeit positiver Interaktion + klare Regeln
✅ Fehler werden gemanagt, nicht bestraft
✅ Selbstwirksamkeit & Kooperation werden aufgebaut
Autoritär bedeutet dagegen:
❌ „Ich setze mich durch" als Methode
❌ Druck, Einschüchterung, „Konsequenzen", die weh tun (körperlich oder emotional)
❌ Verhalten wird unterdrückt statt verstanden
Und jetzt kommt der Haken: Im Hundebereich wird „autoritativ" manchmal wie ein Etikett benutzt – aber ohne zu sagen, welche Konsequenzen konkret eingesetzt werden.

2) Der entscheidende Punkt ist nicht das Wort – sondern das Werkzeug.
Interessant wird es, wenn Trainer sich vom Begriff „autoritativ" distanzieren – ohne es direkt zu sagen. Da wird dann gerne um den heißen Brei geredet: „Wir setzen auf natürliche Kommunikation", „Der Hund braucht klare Führung", „Wir arbeiten artgerecht" oder „Hunde verstehen keine Psychologie".
Das klingt erst mal nach Positionierung, doch die entscheidende Frage bleibt: Was machst du dann konkret?
Denn häufig dienen solche Formulierungen als Nebelkerze: Es wird gesagt, was nicht funktioniert aber verschwiegen, welche Werkzeuge tatsächlich eingesetzt werden. Die Begriffe sollen verwirren und davon ablenken, dass am Ende nicht klar wird: Welche Konsequenzen kommen im Training wirklich zum Einsatz?
→ Wird über Verstärkung, Skills und Wahlmöglichkeiten gearbeitet?
→ Oder über Druck und „Unangenehmes vermeiden"?
Wer pauschal gegen belohnungsbasiertes Training „schießt", landet oft schnell in einem Gegenlager. Nicht, weil Kritik verboten ist, sondern weil dann meist nicht über Handwerk, sondern über Identität diskutiert wird.

3) „Aber wir arbeiten doch auch nicht komplett ohne Aversives…"
Richtig. Und das ist wichtig, sauber zu benennen ohne Schuldgefühle und ohne Märchen.
Belohnungsbasiert heißt nicht: „Im Leben ist alles immer 100% angenehm." Es heißt: Verstärkung ist der primäre Lernmechanismus und nicht der Ausschluss jeglicher aversiver Reize im Alltag, wir leben ja nicht im einem Labor. Wir planen so, dass Lernen möglichst nebenwirkungsarm und stabil passiert.
Beispiel Leine/Anleinen: Viele Hunde finden Anleinen nicht super, weil es Bewegung einschränkt oder weil es historisch ankündigt: „Jetzt wird's unangenehm." Das ist nicht automatisch „böse", aber es ist auch nicht automatisch neutral. Der Unterschied liegt darin, was du daraus machst:

🔸 Nutzt du die Leine als Sicherheits- und Managementtool und baust gleichzeitig ein emotional gutes Gefühl dazu auf?
🔸 Oder nutzt du die Leine als Druckmittel, damit der Hund „funktioniert"?

Das ist ein Riesenunterschied – für Stresslevel, Lernklima und langfristige Stabilität.
4) Woran du echte Qualität erkennst (statt schöner Begriffe)
Gutes Training erkennt man nicht an Labels wie „autoritativ" oder „positiv". Sondern an Fragen wie:

Wird die Funktion des Verhaltens analysiert (Warum tut der Hund das?)
Wird Emotion mitgedacht (Angst, Frust, Überforderung)?
Gibt es einen Plan für Fehler (fehlerfreies Lernen statt „der muss da durch")?
Werden Nebenwirkungen ernst genommen? (Beispiel: Hund meidet Besitzer nach wiederholten Leinenrucks, zeigt generalisierte Angst vor bestimmten Situationen, oder verschiebt Aggression auf andere Auslöser)
Entsteht Selbstwirksamkeit und Wahlmöglichkeiten?

Fazit
„Autoritativ" kann etwas sehr Gutes bedeuten: klar, strukturiert, fair – mit Fokus auf Kooperation und Lernpsychologie. Es kann aber auch ein hübsches Wort sein, hinter dem schlicht aversive Kontrolle steckt.
Und da bin ich meinungsstark: Wenn ein Ansatz ohne klare Beschreibung der eingesetzten Konsequenzen auskommt, ist er nicht „besser" – nur besser verpackt.