Verkopftheit im Hundetraining, wenn Lagerdenken die fachliche Einordnung ersetzt

Verkopftheit im Umgang mit Hunden zeigt sich nicht nur im direkten Kontakt zwischen Mensch und Tier, sondern zunehmend auch in der fachlichen Diskussion darüber, wie Hundetraining aussehen sollte. Wer die einschlägigen Kanäle in den sozialen Medien verfolgt, kennt das Bild: zwei Lager, die sich weitgehend über die Ablehnung des jeweils anderen definieren. Auf der einen Seite strafbasierte Ansätze, auf der anderen Seite ausschließlich positive Verstärkung und dazwischen kaum noch Raum für eine differenzierte, fallbezogene Betrachtung.


Bemerkenswert ist dabei weniger die grundsätzliche Auseinandersetzung – unterschiedliche methodische Überzeugungen gehören zu jeder Fachdisziplin, sondern die Qualität der Argumentation, die zunehmend zu beobachten ist. Komplexe verhaltenstherapeutische Zusammenhänge werden auf plakative, oft verkürzte Kausalketten reduziert, die sich zwar gut für kurze Videoformate eignen, einer genaueren fachlichen Prüfung aber selten standhalten.


Ein Beispiel aus der aktuellen Diskussion

Ein Video, das mir kürzlich begegnet ist, argumentiert, Welpen würden zunehmend an Frustrationstoleranz verlieren, unter anderem weil ihnen in Welpengruppen Schleckmatten oder Kauartikel angeboten würden.  Die Hunde könnte sich mit ihrer Umwelt, dadurch nicht mehr ausreichend auseinandersetzen.

An der Grundbeobachtung ist durchaus etwas dran: Hunden fehlt heute häufig die Gelegenheit, sich aktiv mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen. Die konkrete Kausalkette, die daraus abgeleitet wird, hält einer funktionalen Betrachtung jedoch nicht stand. Wenn in einer Trainingsgruppe eine Übung erklärt wird, bei der Hunde für ruhiges Verhalten Futter oder eine Schleckmatte erhalten, setzt das voraus, dass der jeweilige Hund in diesem Moment überhaupt in der Lage ist, Futter als Verstärker anzunehmen. Ein Hund, der tatsächlich keine Frustrationstoleranz mehr aufbringen kann, befindet sich in aller Regel in einem Erregungs- oder Stresszustand, in dem Futteraufnahme gar nicht erst als Option zur Verfügung steht. Schlicht, weil unter diesen Bedingungen keine hinreichende Motivation dafür besteht. Das Werkzeug selbst – Schleckmatte oder Kauartikel, sagt also wenig über die eigentliche Ursache aus; entscheidend ist, in welchem Zustand und in welchem Kontext es eingesetzt wird.


Genau diese Ebene der funktionalen Einordnung fehlt in der öffentlichen Diskussion zunehmend. Es wird nicht mehr gefragt, unter welchen Bedingungen etwas wirkt oder nicht wirkt, sondern pauschal bewertet, ob ein Hilfsmittel oder eine Methode grundsätzlich "gut" oder "schlecht" ist. Damit einher geht eine monokausale Erklärungslogik, die der eigentlichen Komplexität von Verhaltensproblemen nicht gerecht wird: Schwierigkeiten im Zusammenleben mit einem Hund lassen sich so gut wie nie auf einen einzelnen Faktor zurückführen - etwa den einen Kauartikel zu viel. Sie entstehen in aller Regel aus dem Zusammenspiel mehrerer Ebenen: Veranlagung, individuelle Lerngeschichte, aktuelle Lebensumstände, Gesundheitszustand, Umfeld. Eine plakative Ein-Ursache-Erklärung mag für ein kurzes Video funktionieren, wird der tatsächlichen Ausgangslage aber praktisch nie gerecht.


Verstärkt wird dieser Effekt durch Vergleiche, die zunehmend aus dem Bereich der Kindererziehung in die Hundetrainingsdiskussion übertragen werden, etwa die Vorstellung, ein beschäftigtes, kurzzeitig abgelenktes Individuum verliere dadurch grundsätzlich die Fähigkeit, Frustration auszuhalten. Ein einfacher Alltagsvergleich zeigt, wie wenig tragfähig diese Übertragung ist: Wer im Wartezimmer beim Arzt eine Zeitschrift zur Hand nimmt, verliert dadurch nicht die Fähigkeit, Wartezeit oder Frustration grundsätzlich zu ertragen. Die Beschäftigung verändert lediglich, wie die Wartezeit erlebt wird, sie hebt die Frustrationstoleranz nicht auf und baut sie auch nicht systematisch ab. Genau diese Art von Vergleich – plakativ, aber bei genauerer Betrachtung nicht belastbar – prägt einen großen Teil der aktuellen Diskussion.


Verkopftheit als Schwarz-Weiß-Denken

Das ist die zweite Form von Verkopftheit, die mir zunehmend begegnet: nicht das Übermaß an Wissen, das dem Handeln im Weg steht, sondern der Ersatz differenzierter fachlicher Einordnung und schlicht gesunden Menschenverstands, durch Lagerdenken. Statt den Einzelfall funktional zu betrachten, welches Verhalten zeigt der Hund, unter welchen Bedingungen, mit welcher Konsequenz, wird zunehmend in Kategorien von richtig und falsch, von zugehörigem und gegnerischem Lager gedacht. Wer sich nicht eindeutig zuordnet, gerät leicht zwischen die Fronten, und wer Zweifel an einer plakativen These äußert, sieht sich schnell der jeweils anderen Seite zugeordnet.


Die Folge sehe ich auch bei Halterinnen und Haltern, die mir in der Beratung begegnen: erhebliche Verunsicherung darüber, was im Umgang mit dem eigenen Hund überhaupt noch richtig sein soll. Wer sich an widersprüchlichen, stark vereinfachten Aussagen orientiert, verliert zunehmend das Zutrauen in die eigene Beobachtungsfähigkeit  und genau die wäre notwendig, um einem Hund gerecht zu werden.


Konsequenz für die fachliche Praxis

Aus meiner Sicht braucht es hier eine Rückbesinnung auf funktionale Betrachtung statt kategorialer Bewertung. Das gilt innerhalb eines Trainings, das ohne Strafreize arbeitet: Ein Hilfsmittel oder eine Übung ist dort nicht per se richtig oder falsch. Entscheidend ist der Einzelfall, welche Funktion zeigt das Verhalten, unter welchen Bedingungen tritt es auf, und welche Konsequenz ist daraufhin angemessen? Diese Differenzierung lässt sich nur schwer in ein zwanzigsekündiges Video packen, und genau das macht sie in der aktuellen öffentlichen Diskussion selten. Meine Ablehnung  von strafbasierten Training hat damit nichts zu tun. Sie richtet sich nicht nach dem Einzelfall, sondern ist eine grundsätzliche ethische Entscheidung.

Für die eigene Praxis bedeutet das: bei plakativen Aussagen genauer hinzuschauen, bevor man sie übernimmt oder pauschal verwirft und im Zweifel den Einzelfall über die Lagerzugehörigkeit zu stellen. Manchmal braucht es dafür kein zusätzliches Fachwissen, sondern schlicht die Bereitschaft, eine steile These nüchtern gegen zu prüfen, bevor man ihr folgt oder sie weiterträgt.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass am Ende jede Position gleich gültig ist. Ich lehne strafbasiertes Training grundsätzlich ab. Diese Position begründe ich unter anderem mit einer einfachen, persönlichen Überlegung: So möchte ich selbst nicht erzogen oder behandelt werden, und diesen Maßstab lege ich auch im Zusammenleben mit Hunden an. Eine solche Haltung braucht jedoch keine krude Vergleichslogik und keine plakative Zuspitzung, um tragfähig zu sein. Sie lässt sich ruhig begründen und bleibt trotzdem eine klare Haltung, gerade weil sie dem Einzelfall Raum gibt, statt ihn einem Lager unterzuordnen.


Hinzu kommt ein praktischer Aspekt: Training findet nicht im Labor statt, sondern in einer Umwelt, die für den Hund ohnehin schon eine Fülle an Reizen bereithält, die er als unangenehm oder strafend erleben kann: Verkehr, unangenehme Begegnungen, Wetter, körperliches Unwohlsein, um nur einige zu nennen. Wenn ich einem Hund die Welt, in der er lebt, verständlich mache und ihm darin Orientierung gebe, ist damit bereits ein erheblicher Lerneffekt verbunden. Zusätzliche, gezielt gesetzte Strafreize obendrauf sind dafür in aller Regel schlicht nicht notwendig.


Du brauchst Unterstützung bei der Einordnung oder steckst in einer Trainings-Sackgasse? Greif einfach zum Hörer und ruf mich an. Ich freue mich auf unser Gespräch!

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